
Fördergeld von 100 Millionen SFR für RWTH-Forscher
Veröffentlicht: Montag, 08.01.2024 13:08
Forscher der RWTH Aachen und des Forschungszentrums Jülich (FZJ) werden ein Forschungszentrum aufbauen, das den Weg zu einer kreislauffähigen chemischen Industrie ebnen soll.
Für das "Jahrhundert-Projekt" haben sie jetzt die Ausschreibung der schweizerischen Werner Siemens-Stiftung gewonnen, die mit einer Fördersumme von 100 Millionen Schweizer Franken über zehn Jahre verbunden ist.
Das RWTH-Team um Professor Jürgen Klankermayer (oben auf dem Foto links) vom Lehrstuhl für Translationale Molekulare Katalyse und Professorin Regina Palkovits (auf dem Foto rechts) vom Lehrstuhl für Heterogene Katalyse und Technische Chemie haben sich dabei mit ihrem Projekt „catalaix: Katalyse für eine Kreislaufwirtschaft“ gegen 122 weitere Ideenskizzen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz durchgesetzt.
Künftig entwickeln sie in einem WSS-Forschungszentrum katalyse-getriebene Recyclingverfahren, die eine mehrdimensionale Kreislaufwirtschaft ermöglichen. Im Mittelpunkt der Forschungsarbeiten steht die Katalyse – die Technologie, welche die Geschwindigkeit chemischer Reaktionen erhöht oder sie erst ermöglicht. Katalysatoren helfen dabei, die Ausgangsstoffe für eine Vielzahl von Produkten zu schaffen, die für unser tägliches Leben unverzichtbar sind. Noch immer aber landet ein Großteil dieser Produkte am Ende ihrer Lebenszeit im Abfall. Das Team um Klankermayer und Palkovits will das ändern, indem es solche Produkte durch neu entwickelte Katalysatoren und Verfahren ganzheitlich gezielt abbaut zu rezyklierfähigen molekularen Bausteinen.
„Bislang haben Chemikerinnen und Chemiker meist neue Katalysatoren gesucht, die Bindungen knüpfen“, erklärt Klankermayer. „Aber es braucht auch Katalysatoren, die Bindungen brechen, und wir müssen bei der Herstellung der zukünftigen Produkte das Recycling gleich mitdenken.“
Der erste Fokus von „catalaix“ liegt auf dem Kunststoffsektor. Der Mensch produziert 400 Millionen Tonnen Plastik pro Jahr – bis 2050 dürften 16 Gigatonnen zusammenkommen; so viel wiegen alle Menschen, Tiere und Pilze auf der Erde gemeinsam. Heute werden nur neun Prozent aller Kunststoffe rezykliert – etwa PET-Flaschen, die zerkleinert und wieder zu neuen PET-Flaschen geformt werden.
Für einen ganzheitlichen Ansatz seien solche eindimensionalen Kreisläufe nicht geeignet, sagte Regina Palkovits. „Verschiedene Kunststoffe werden in verschiedenen Mengen produziert, und ihre Lebensdauer ist unterschiedlich: Eine Verpackung muss nach vielleicht einem halben Jahr wieder in den Kreislauf integriert werden, eine Gebäudeisolation erst nach 30 Jahren.“
Das Aachener Team wird Kunststoffe durch die Kombination von chemischen, elektrochemischen und mikrobiellen Katalyseverfahren in wiederverwendbare Ausgangsstoffe umwandeln.
Die Idee der Forschenden geht aber auch noch über einzelne und isolierte Stoffkreisläufe hinaus. Sie werden die Kreislaufwirtschaft nach dem «Open-Loop-Prinzip» weiterentwickeln. Das bedeutet: Die molekularen Bausteine, die als Ausgangsstoffe durch das Recycling entstehen, sind maßschneiderbar und derartig vielseitig einsetzbar, dass sie sich je nach Bedarf auch in andere Wertschöpfungsketten und Materialkreisläufe einspeisen lassen. Das werde die Grundlage schaffen für eine flexible, mehrdimensionale Kreislaufwirtschaft, heißt es.
RWTH-Rektor Professor Ulrich Rüdiger gratulierte dem catalaix-Team. „Ein großartiger Erfolg. Die Transformation linearer Wertschöpfungsketten hin zu einer ganzheitlichen geschlossenen Kreislaufwirtschaft stellt eine Jahrhundertaufgabe dar. Ich bin überzeugt, dass das WSS-Forschungszentrum „catalaix“ einen wichtigen Beitrag zur Etablierung einer mehrdimensionalen Kreislaufwirtschaft und zur gesellschaftlichen Transformation leisten wird.“
Für die Werner Siemens-Stiftung, die langfristige und gut ausgestattete wissenschaftliche Projekte fördert, ist es das größte Forschungsvorhaben, das sie je finanziert hat. „Zum Jubiläum wollten wir ein ganz besonderes Projekt lancieren und damit einen Beitrag leisten zu einem nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen unseres Planeten“, sagte Stiftungsrats-Obmann Dr. Hubert Keiber. „Wir sind überzeugt, dass uns das mit der Unterstützung des Projektes ‚catalaix‘ gelingt.“